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6. Folge der Podcast-Reihe „Regionalgeschichte auf die Ohren“: „Ohne Zwangsarbeit wäre die deutsche Kriegswirtschaft vermutlich zusammengebrochen“

• 0:09 - 0:41

Kathrin Nolte: Herzlich willkommen zur sechsten Podcast-Folge des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte. Dieses Mal sprechen wir über das Stammlager 326, das von 1941 bis 1945 Deutschlands größtes Lager für sowjetische Kriegsgefangene war. Wer sind wir? Mein Name ist Kathrin Nolte und ich bin im Institut für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Mein Interviewpartner Jens Hecker arbeitet seit September 2019 die historischen Grundlagen für die vom LWL koordinierte Neukonzeption der Gedenkstätte Stalag 326.

• 0:42 - 1:15

Das Stalag 326 in der Senne bei Stukenbrock im Kreis Gütersloh diente als Rekrutierungs- und als ein Durchgangslager für mehr als 300.000 sowjetische Kriegsgefangene, die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau leisten mussten. Die Lebensbedingungen und hygienischen Zustände vor Ort waren katastrophal. Allein in den letzten drei Monaten des Jahres 1942 starben rund 5000 Gefangene, so viele wie in keinem anderen Lager im Deutschen Reich. Herr Hecker, warum durchliefen so viele sowjetische Kriegsgefangene das Lager in der Senne?

• 1:16 - 1:49

Jens Hecker: Ja, das Kriegsgefangenenlager befand sich in einem Prozess. Am Anfang war das ein sogenanntes in Anführungszeichen Russenlager und es war eins unter vielen Lagern im Deutschen Reich. Dann dauerte der Krieg allerdings länger, als die nationalsozialistische Führung das geplant hatte. Man musste eine Umstrukturierung vornehmen und diese Umstrukturierung sah es vor, dass dieses Lager ein zentrales Durchgangs- und Rekrutierungslager für den kompletten Wehrkreis VI. Das ist heute in etwa die Größe von Nordrhein-Westfalen, eingerichtet worden ist.

• 1:49 - 2:09

Und deswegen mussten so viele Kriegsgefangene das Lager durchlaufen, um in dem kompletten Wehrkreis VI eingesetzt zu werden. Zum Zwangsarbeitseinsatz in der Rüstungsindustrie, aber auch in der Forstwirtschaft, Landwirtschaft, alles, was man sich ja in der Zeit vorstellen konnte, wurden sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt.

• 2:10 - 2:17

Kathrin Nolte: Welche Bedeutung hatte Stalag 326 für die Nationalsozialisten? Das hört sich ja so an, als ob es eine größere Bedeutung hatte.

• 2:18 - 2:58

Jens Hecker: Die Bedeutung liegt genau darin, dass durch diesen Zulauf von sowjetischen Kriegsgefangenen die Zwangsarbeit, eigentlich die deutsche Rüstungsindustrie, die deutsche Kriegswirtschaft aufrechterhalten werden konnte. Also das war noch eine Zeit, bevor KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit eingesetzt worden sind. Das war auch die Zeit, bevor große zivile Zwangsarbeiter eingesetzt worden sind. Und man hat sich dann genau durch dieses Lager überlegt oder durch diese Konstruktion der Lagersysteme, ja die deutschen Arbeiter, die in der Wehrmacht jetzt waren, durch Sowjets zu ersetzen.

• 2:58 - 3:29

Und das ist der Punkt, auf den wir auch später in der neuen Ausstellung hinauswollen, in der Konzeption. Es geht nicht um das eigentliche Lager, es geht darum, dass das Lager Teil eines Systems war. Das hat diese Kriegsgefangenen eingespeist in dieses System ist allerdings auch nur in diesem Verbund mit anderen Kriegsgefangenenlagern, wie zum Beispiel in Hemer, bei Iserlohn oder halt bei Dortmund. Das muss man alles zusammendenken und das wollen wir auch zeigen.

• 3:29 - 3:34

Es geht nicht nur um dieses einzelne Lager, aber über das Lager kann man dieses System erklären.

• 3:35 - 3:43

Kathrin Nolte: Und die Lage in der Senne lag daran, dass das die Nähe zum Ruhrgebiet hatte. War das bewusst so ausgewählt?

• 3:45 - 4:19

Jens Hecker: Bewusst ausgewählt kann man so eigentlich sagen: In der Senne gab es einen großen Truppenübungsplatz und eigentlich hat man diese sogenannten Russenlager in der Nähe von diesen Truppenübungsplätzen angelegt. Man hatte nicht ursprünglich vor, die im breiten Arbeitseinsatz einzusetzen. Es war nicht komplett geplant für den Arbeitseinsatz, aber es waren natürlich die idealen Bedingungen. Also ich habe schon erzählt, es gab ja mehrere sogenannte Russenlager. Und eigentlich hatte sich bis Kriegsende nur dieses Russenlager in der Senne gehalten, weil es halt eine neue Aufgabe bekommen hat.

• 4:19 - 4:54

Also es war nicht die ursprüngliche Auflage. Und die Bedeutung dieses Lagers sieht man auch daran, dass ein Drittel der sowjetischen Kriegsgefangenen überhaupt in das Deutsche Reich gebracht worden sind, durch dieses Lager geschleust worden sind. Es liegt natürlich auch daran, dass das Ruhrgebiet und gesamtheitlich NRW heute auch damals schon der größte Ballungsraum Europas war und eigentlich auch der Ort, wo die deutsche Kriegswirtschaft das Zentrum hatte. Und das sind alles Punkte, die da zusammenkommen. Zu sagen, das macht eigentlich die Bedeutung aus, deswegen gehen so viele Menschen da durch.

• 4:54 - 5:29

Und deswegen war es eigentlich auch im Rückblick ein strategischer Standortvorteil im Tor zu Westfalen zu liegen. Nicht direkt im Ruhrgebiet, weil man brauchte ja auch unglaublich viel Platz dafür. Und man braucht auch ein bisschen auch Bewegungsfreiheit, diese unglaublichen Menschenmassen zu bewegen, zu registrieren, damit umzugehen, bevor man die dann halt relativ in Anführungszeichen geregelt, dann in anderen Lagern ja, die teilweise wie gesagt, in Dortmund lagen, gezielt arbeiten zu können.

• 5:29 - 5:36

Kathrin Nolte: Im April 1945 wurde das Lager befreit. Was geschah nach 1945 damit?

• 5:38 - 6:12

Jens Hecker: Mit der Befreiung des Lagers genau richtig gesagt im April 45 dauert es ja noch einen Monat, bis es wirklich offizielles Kriegsende war. Deswegen haben die befreiten sowjetischen Kriegsgefangenen, die wurden von den Amerikanern befreit, aber sehr schnell hatte dann die sowjetische Militärregierung Zugriff auf das Lager und die befreiten Gefangenen wurden in verschiedenen Kasernen wieder interniert und man wollte sie eigentlich wieder der Armee zurückführen.

• 6:13 - 6:45

Als dann der Krieg zu Ende war, Anfang Mai, hat man sie dann repatriiert. Also die sowjetischen Kriegsgefangenen mussten alle zurück in die Sowjetunion. Das Lager war eigentlich frei. Das neue Bundesland Nordrhein-Westfalen wurde dann aber von den Briten verwaltet. Britische Besatzungszone und die Briten haben diese Lagerinfrastruktur genutzt, um ein Internierungslager zu errichten für vermeintliche Kriegsverbrecher.

• 6:45 - 7:37

Aber es gab dann teilweise einen automatischen Arrest für hohe NS-Beamte und andere, die dann direkt erst mal interniert worden sind, um die später mit sogenannten Spruchkammerverfahren abzuurteilen. Das war eine kurze Phase, bevor dann 1948 das Lager an das Land Nordrhein-Westfalen ging, um auf dem Gebiet eine Institution zu gründen, die sich für deutsche Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten aufgenommen, die dort aufgenommen worden sind, das sogenannte Sozialwerk Stukenbrock, wo mehrere Organisationen sicherstellen sollten, dass diese Menschen die Chance auf eine neue Heimat hatten und sich in Deutschland im neuen Deutschland integrieren konnten.

• 7:38 - 8:08

Und seit 1970 ist es Polizeigelände, Polizeiausbildungsgelände für das Land NRW. Genau das ist eigentlich die Lagergeschichte. Und auf der anderen Seite, wir haben ja schon gesagt, es sind unglaublich viele Menschen durch dieses Lager gegangen und was jetzt auch relativ neu seit 2015 auch anerkannt ist, dass es sich nicht um ein normales Lager gehandelt hat. Also es waren nicht normale Kriegsgefangene, wie es sie auch bei Franzosen oder Polen oder Engländern gab.

• 8:08 - 8:10

Kathrin Nolte: Was war anders?

• 8:10 - 8:41

Jens Hecker: Genau. Sie sind ja auch in deutsche Gefangenschaft gekommen. Anders war, dass man diesen Kriegsgefangenen die zentralen Völkerrechte nicht zugestanden hat. Also seit den großen Massenkriegen der Neuzeit und der Moderne hat man eigentlich überlegt: Wir müssen international regeln, wie man Kriegsgefangene behandelt. Was eigentlich ein zivilisatorischer Fortschritt ist, dass man gesagt hat: Okay, man muss Rechte, man muss verbindliche Rechte haben, dass man eigentlich Gefangene des Gegners genauso behandelt wie die eigenen Truppen.

• 8:42 - 9:22

Und diese Rechte hat man den sowjetischen Kriegsgefangenen nicht zugestanden, weil sie gesagt haben, diese entsprechenden Völkerrechtsverträge, die wurden von den Sowjets nicht unterschrieben. Das ist eine komplizierte Sache und es ist nur eine Halbwahrheit. Aber auf jeden Fall hat man das so hinbekommen, dass man gesagt hat: Nein, ihr bekommt diese Rechte nicht, die gestehen wir euch nicht zu. Und das hatte in der Praxis katastrophale Folgen für die Lebensverhältnisse der sowjetischen Kriegsgefangenen. Statistik ist immer ein bisschen schwierig, aber man kann sagen, dass ungefähr 60 Prozent der sowjetischen Kriegsgefangenen allgemein in deutscher Gefangenschaft verstorben sind.

• 9:23 - 10:05

Und das ist ein Wert. Den haben wir bei anderen auf gar keinen Fall. Das sind normalerweise bei den Franzosen keine drei Prozent. Das hat es auch in der Geschichte vorher und nachher auch nicht wieder gegeben. Und das lässt sich auch in Stukenbrock, weil in der Nähe des Lagers in der Luftlinie von einem Kilometer hat die Wehrmacht dann auch einen Friedhof angelegt, weil immer mehr sowjetische Kriegsgefangene an den Folgen dieser Mangelbehandlung gestorben sind. Vor allen Dingen in den Jahren 1941/42, in dem ersten Winter, gab es eine unglaublich hohe Sterberate, auch einhergehend mit Epidemien, die aber auch auf die Lebensbedingungen zurückzuführen sind.

• 10:06 - 10:40

Und auf dem Friedhof wird gesagt, dass da bis zu 65.000 Tote liegen. Diese Zahl lässt sich schwer verifizieren. Also man kann schwer sagen liegen da wirklich so viele? Da gibt es unterschiedliche Zahlen, auch eine ganz große Differenz zwischen teilweise 15.000 und 65.000. Das ist eine Sache, die wird geklärt und das ist aber auch noch ein Prozess, das zu machen. Aber klar ist: Es ist ein riesengroßer Friedhof. Da müssen ständig Tausende von Menschen streiten.

• 10:40 - 11:19

Es liegen viel zu viele Menschen da. Und dieser Friedhof wurde direkt nach dem Krieg, nach der Befreiung von Kriegsgefangenen noch mal anders gepflegt. Es waren 36 Massengrabreihen, die nur auf einem Feld beerdigt worden sind. Also wirklich in Reihen. Es gab keine individuellen Kennzeichnungen und die befreiten sowjetischen Kriegsgefangenen haben aus der Selbstaussage gesagt: Wir können jetzt wieder nach Hause gehen, aber unsere Kameraden müssen wir ja hier in fremder Erde lassen und deswegen haben sie einen sehr, in damaliger Sicht auch sehr fragwürdigen Gedenkort angelegt.

• 11:19 - 11:55

Man hat diesen Ort befriedet, aber ohne Bezäunung gebaut. Man hat auch Mahntafeln aufgestellt, die dann allerdings auch der deutschen Pflege überlassen worden sind, weil die Kriegsgefangenen mussten ja auch […]. Also auch die, die den Friedhof errichtet haben, mussten ja auch wieder zurück repatriiert werden. Also zurück in die Sowjetunion. Und dieser Friedhof war dann halt auch in Nachfolgejahrzehnten immer auch ein Ort der Auseinandersetzung mit der Geschichte, weil das Lager, das konnte man überbauen, man hat es ziemlich profan weiter genutzt.

• 11:55 - 12:28

Der Friedhof war da und die Leute liegen bis heute da. Die Leute wurden auch nie umgebettet. Sie wurden also nicht die Sowjetunion zurückgeholt, wie man es mit anderen Toten gemacht hat. Und das war immer, man kann sagen ein Zankapfel in der Region, weil direkt nach dem Krieg gab es auch starke antikommunistische Tendenzen. Das beste Beispiel ist eigentlich, dass die befreiten Soldaten eigene Listen aufgestellt hatten, mit sowjetischen Hoheitszeichen, mit roten Stern, mit roter Fahne.

• 12:29 - 12:52

Und das war natürlich in den 1950er-/1960er-Jahren ein Dorn im Auge vieler Menschen. Und das ist halt auch ein Spannungsverhältnis, das wir auch jetzt in der zukünftigen Gedenkstätte aufgreifen wollen. Dass auch diese Nachgeschichte genau ihre Frage, was war eigentlich nachher, weil anders als andere Gedenkstätten war er nicht sofort ein Gedenkort.

• 12:53 - 13:16

Kathrin Nolte: Das ist ein gutes Stichwort: Dieser Ort, das Lager, das ursprüngliche Lager soll zu einer bundesweiten Gedenkstätte ausgebaut werden. Was macht denn Stalag 326 so besonders als Erinnerungsort? Da hatten sie schon ein paar Punkte genannt, aber was kann man da […] Gibt es so ein paar Schlagworte, die man da nennen kann, warum es so eine Bedeutung hat?

• 13:18 - 13:52

Jens Hecker: Man kann einerseits sagen, dass es eigentlich einen zentralen Gedenkort für sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland eigentlich nicht gibt, es gibt sehr, sehr viele, auch in Berlin sehr, sehr viele sowjetische, ja Siegesdenkmäler. In verschiedenen Gedenkstätten werden sowjetische Kriegsgefangene und teilweise auch KZ-Häftlinge auch gewürdigt. Aber einen zentralen Ort gibt es nicht. Und diese eine Sache, die ich schon kurz erwähnt hatte, kommt natürlich aus der Geschichte heraus, dass man gesagt hat, man muss diese Struktur erkennen.

• 13:52 - 14:29

Also das Lager selbst war nur eigentlich ein Symptom von Planungen, also daran an dem Ort lässt sich viel ablesen, was vor Ort geplant worden ist und dadurch, dass wir halt diesen Friedhof haben und dieses überbaute Lagergelände. Und wenn ich sage überbaut. Das wurde ja nie komplett einmal abgerissen und neu gebaut, sondern es wurde sukzessive nach und nach immer weiter verändert. Man kann sogar nachweisen, dass teilweise der alte Stacheldraht, den die Nazis, die die Wehrmacht aufgebaut hat, noch bis in die Frühphase des Sozialwerkes Stukenbrock stand.

• 14:29 - 14:51

Und wenn man heute auf dieses Gelände geht, das ist ja wie gesagt Polizeischule. Jetzt komplett neu eingezäunt. Das ist nicht mehr der alte Zaun, aber es ist trotzdem noch eine Barriere. Es ist noch auf dem gleichen, auf der gleichen Fläche, also die Lagerstraße noch erhalten. Es gibt noch historische Bauten wenige, aber es gibt noch historische Bauwerke.

• 14:51 - 14:55

Kathrin Nolte: Man kann noch was von der damaligen Zeit sich anschauen.

• 14:56 - 15:43

Jens Hecker: Genau. Man kann sich nicht nur informieren, aber man kann auch an dem historischen Ort noch historische Bausubstanz finden. Ganze Gebäude, die viel über dieses Lagerverhalten erzählen. Es ist so eine Art typografisches Archiv. Dann gibt es natürlich auch den Friedhof noch. Also viele dieser ehemaligen Lager wurden danach genutzt und die sind teilweise so überbaut, dass man es nicht mehr sehen kann. Und in Stukenbrock ist es halt so, dass eigentlich auch einmalige Bauformen noch da sind auf dem Lagergelände selbst, weil die Gebäude, vor allem die Steingebäude teilweise nach ihnen eine Nachnutzung erfahren hatten, wie zum Beispiel die ehemalige Entlausung, wo alle Kriegsgefangenen durch mussten, die ist noch komplett erhalten und in einen sehr guten Zustand.

• 15:43 - 16:26

Und auf der anderen Seite gibt es natürlich den Friedhof auch, der auch noch mit seinen ganzen Erinnerungszeichen über die Jahrzehnte erhalten ist. Also das ist der historische Ort, an dem man dieses Thema sehr gut festmachen kann. Dann als Zweites gibt es auch eine ganz spannende Erinnerungskultur. Also man kann sagen, das, was in der Bundesrepublik auch in der Nachgeschichte, die wir eben schon kurz angesprochen hatten, eigentlich an ganz vielen Orten stattgefunden hat, kann man halt in Stukenbrock sehr exemplarisch sehen. Da gab es schon, als bundesweit keine Organisation an sowjetische Kriegsgefangene gedacht hatte, hat es in Stukenbrock 1967 einen Verein gegeben Blumen für Stukenbrock.

• 16:26 - 17:02

Also den hat es nicht gegeben. Der hat sich gegründet, den gibt es immer noch. Der hat eine über 50-jährige konstante Geschichte, um diesem Thema eine Öffentlichkeit, einen Raum zu geben. Und damals war es noch viel schwieriger als heute. Also heute ist es durchaus gewollt, diese Orte zu machen. In den 60er Jahren war das nicht gewollt. Es waren teilweise auch in Zeiten in der Hochphase des Kalten Krieges müssen Sie sich vorstellen, da gibt es dann einen Verein, der gesagt hat, wir müssen eigentlich dem Gegner, also der Gegner, der im Kalten Krieg der Gegner ist, war auch schon den Nationalsozialisten, was dagegen.

• 17:02 - 17:37

Da gab es eine gewisse Kontinuität. Und die sagen: Das ist wichtig, denen zu gedenken. Die hatten dann natürlich auch sehr starken Gegenwind. Das war zwar ein breites Bündnis, das man eigentlich auch der Friedensbewegung zuordnen kann. Aber insgesamt standen die, man würde sagen heute wahrscheinlich eher links und es waren noch einige Mitglieder der KPD dabei. Also der Kommunistischen Partei Deutschlands. Und das hat das natürlich den Gegnern relativ einfach gemacht. Diesen Gegenwind aufzumachen, das sind alles Kommunisten, die gehen der östlichen Propaganda auf dem Leim und die sind eigentlich Agenten, feindliche Agenten im eigenen Lager.

• 17:39 - 18:13

Aber es hat sich dann nicht mit Blumen für Stukenbrock. Die haben auch die Tür geöffnet für andere Vereine. Es gab noch kleinere Vereinsgründung rund in der Region und die zweite große Gruppe war halt ein Förderverein für eine Gedenkstätte, der dann bewusst versucht hat, einen unpolitischen bzw. einen überparteilichen Konsens zu schließen und diese Frontstellung Kommunisten - Bürgerlich irgendwie zu durchbrechen. Genau eben dieser Förderverein, den es jetzt seit 25 Jahren gibt, der hat dann versucht, eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen und auch Fragen zu klären.

• 18:14 - 18:53

Wer liegt jetzt eigentlich wirklich auf dem Friedhof? Man muss sagen, das hatte Blumen für Stukenbrock auch schon immer im Sinn, aber es ändert sich natürlich auch die Zeiten. Und mit den 1990er-Jahren, mit dem Ende der Blockkonstellation waren noch immer auch Archive zugänglich, die früher nicht zugänglich waren. Und da konnte man auch viel Forschung anstoßen und diese Forschung, Erinnerungskultur und Forschung ist nicht einzigartig, aber sie wird in dieser Ballung vor Ort sehr deutlich und gerade 75 Jahre nach Kriegsende muss man sich halt auch überlegen, dass auch dieses Erinnern an die Geschichte Teil der Geschichte geworden ist.

• 18:53 - 19:24

Und das ist sehr spannend in Stukenbrock. Und eigentlich der letzte Punkt. Also der dritte Punkt. Es gibt noch viele Punkte. Aber was mir sehr wichtig ist, was ich gerade schon gesagt habe 75 Jahre später, man denkt ja okay, es ist schon lange her, hat man da noch einen Bezug dazu? Es gibt immer wieder Stimmen. Muss man da noch drüber reden? Warum macht ihr das? Wir haben wir doch schon so viele Gedenkstätten? Ich habe schon gesagt, so eine Gedenkstätte haben wir bis jetzt noch nicht in der Form, also vom Inhalt.

• 19:26 - 19:59

Und man merkt auch gerade in der Arbeit, ich habe seit 2016, habe ich auch selbst in einem Verein gearbeitet, war auch da angestellt, auch Vereinsmitglied bin ich immer noch. Da merkt man halt schon, es macht doch was mit den Familien. Das merkt man in der Region selbst. Es ist bis jetzt noch keiner […]. Man weiß noch nicht, wie man darüber sprechen sollte. Was ich ganz am Anfang mal angedeutet hatte, dass die überall auch in der Wirtschaft eingesetzt worden sind, heißt auch, sie waren unglaublich sichtbar in der Gesellschaft.

• 19:59 – 20:44

Man hat mit denen zusammengearbeitet. Es war eine unglaubliche Nähe da zwischen 41 und 45! Und deswegen sind viele Erinnerungen auch noch da. Und viel Unsicherheit wie geht man damit jetzt um, auch in der nächsten nachfolgenden Generation? Wie geht man damit um das auf dem eigenen Hof im eigenen Betrieb […] Vielleicht ist auch der Erfolg des Betriebes auch auf Zwangsarbeit zurückzuführen, was auch viele da ja der Erben auf einmal umtreibt. Und da hat man noch keine richtige Sprache für gefunden. Wir können mittlerweile über den Holocaust sprechen, also über den Mord an europäischen Juden, da haben wir eine Sprache, wir haben Begriffe Holocaust, Shoah, die teilweise auch alle ein bisschen schwierig sind und wo man sich streiten kann. Aber wir wissen ungefähr, wie man darüber spricht.

• 20:44 - 21:04

Aber diese Zwangsarbeit hat eigentlich auch die sowjetischen Kriegsgefangenen noch keine richtige Sprachpraxis gefunden. Und da sind dieser Verein und diese Vereine unglaublich wichtig für die Region und eigentlich noch wichtiger für die Menschen, die Angehörigen auf dem Friedhof, die Angehörige gehabt haben, dieses Lager durchlaufen mussten.

• 21:05 - 21:08

Kathrin Nolte: Sie bekommen ja auch bis heute noch Anfragen von diesen Angehörigen richtig?

• 21:09 - 21:54

Jens Hecker: Ja, wir bekommen bis heute noch Anfragen. Man kann sagen, dass es bis zu 100 pro Jahr sind, die halt auf der Suche nach Angehörigen sind. Und die machen sich auch dann auf den Weg, weil diese eben besprochenen Blockkonstellation im Kalten Krieg hat auch dazu geführt, dass es keine Möglichkeit war, nach seinen Angehörigen zu suchen. Dazu kommt auch noch, dass in der Sowjetunion, in der damaligen Sowjetunion auch die sowjetischen Kriegsgefangenen nicht als Helden des Vaterlandes im Großen Vaterländischen Krieg gefeiert worden sind, sondern sie waren eigentlich Verräter und in ihren Akten also nicht nur die, die gestorben sind, denen wurde nicht gedacht oder schwer nur gedacht, also auch nicht öffentlich gedacht, weil sie sich haben gefangen nehmen lassen.

• 21:54 - 22:25

Das war quasi im stalinistischen System nicht vorgesehen, dich gefangen nehmen zu lassen. Und auf der anderen Seite, wenn man als Gefangener zurückkam, stand in seiner ich nenne es Personalakte, stand drin, dass man in Deutschland war. Was immer dann auch damit verbunden war, man hat für den Feind gearbeitet. Deswegen hat man staatliche Repression bekommen und man stand aber auch genauso wie die zivilen Zwangsarbeiter immer auch sozial in dem Verdacht: Du hast mit dem Feind kollaboriert und das hat sehr viele Bildungschancen auch […]

• 22:26 - 22:57

Und man durfte dann zum Beispiel nicht studieren oder hat gewisse Jobs nicht bekommen. Genau das ist eine Generationenfrage. Also die nachfolgende Generation, also die Kindergeneration, dieser, ja, ich möchte sie nicht als Opfer bezeichnen, aber die zu Opfern gemacht worden sind, die hatten eigentlich keine Chance, die hatten in der Sowjetunion keine richtige Chance nachzuforschen. Und nach Deutschland konnten sie sowieso nicht. Und das hat sich jetzt geändert. Deswegen ist es eigentlich so, dass diese Anfragen, Sie haben es ja eben angesprochen, die bekommen wir eigentlich bis heute noch, der Verein bekommt sie bis heute noch, die nehmen nicht ab, was man eigentlich denken könnte.

• 22:57 - 23:29

So mit dem Abstand, sondern die nehmen eigentlich wieder mehr zu, auch durch, ja durch internationale Bekanntheit, durch Zugänglichkeit des Internets, verbesserte Reisemöglichkeiten. Und das ist eine Aufgabe, wo man wirklich sieht. Das nagt bis heute noch an den Menschen, weil hinter jedem Kriegsgefangenen steht auch eine Familie und Schicksale in der Familie. Und das ist, glaube ich, etwas, wo man denkt, so einen Ort braucht es einfach. Also der Ort ist, den braucht es nicht einfach nur weil man irgendwie in Deutsch […].

• 23:29 - 23:45

Weil man halt noch die letzten Leerstellen einer deutschen Erinnerungskultur schließen möchte, das ist ja auch ein Argument. Aber es ist nicht das Hauptargument. So jetzt haben wir eine Opfergruppe vergessen, sondern es hat noch einen sehr großen Sinn, das jetzt noch zu machen.

• 23:46 - 24:08

Kathrin Nolte: Jetzt haben Sie gerade schon gesagt, dass Sie seit 2016 schon in der Gedenkstätte tätig sind. Der LWL ist jetzt für die Neukonzeption der Gedenkstätte zuständig und genau für dieses Konzept erarbeiten Sie die historischen Grundlagen. Was genau macht man da als Historiker?

• 24:09 - 24:49

Jens Hecker: Das Gute ist, dass schon viele Grundlagen gelegt worden sind und genau richtig gesagt, wie ich schon erwähnt hab, wie Sie auch erwähnt hatten. Ich war vorher schon in diesem Verein, habe vorher auch da schon wissenschaftlich gearbeitet. Man muss sagen, dieser Verein ist ein ehrenamtlicher Verein, eine zivilgesellschaftlicher Verein, der auch nicht bei einer Neukonzeption die finanziellen und personellen Mittel hat, das einfach selbst zu stemmen. Und deswegen wurde auch, über Wege wurde auch an den LWL herangetreten, um zu sagen, ob man der Expertise, die er LWL natürlich auch hat, auch im Museum oder im wissenschaftlichen Bereich, ob man da unterstützen kann.

• 24:50 - 25:19

Und der LWL hat eingewilligt jetzt diesen Übergang, diese Überlegung einer Machbarkeitsstudie: Wie kann dieser Ort eigentlich aussehen, das zu koordinieren. Und Teil dieser Koordination ist auch das, was bis jetzt alles schon erarbeitet worden ist, diesen Prozess zugänglich zu machen. Das liegt […] Also es wurde ja in Stukenbrock nicht nur geforscht, sondern es wurden auch Sammlungen angelegt. Und das ist halt wichtig, weil es so etwas gab es vorher nicht.

• 25:20 - 25:49

Das war kein universitäres Fach. Damit hat man sich keine Lorbeeren verdient, sondern es waren wirklich ehrenamtliche Vereine, die gesammelt, geforscht haben. Und da kann man sich vorstellen, die haben vielleicht auch nicht jeden Standard eingehalten. Oder man kann jetzt nicht einfach zu einem Förderverein hingehen und sagen: Ich möchte […] Wo ist euer Online-Katalog und wie habt ihr das alles […]? Also man kann es nicht einfach abgreifen. Und deswegen sehe ich mich auch in der Rolle und so ist es ja auch ausgelegt, auch eines Bindeglieds zwischen diesem Verein und diesen ganzen Initiativen und dem LWL.

• 25:50 - 26:20

Und praktisch sieht das so aus, dass ich noch mal in die Sammlung reinschauen, noch mal Verbindung aufnehme mit Forschern, um zu sagen: Was gibt es eigentlich schon? Was ist eigentlich der Stand, auf dem wir aufbauen können? Das ist sehr wichtig und gleichzeitig auch mit den Expert:innen vom LWL und wenn ich LWL sage, ist es natürlich das Institut für westfälische Regionalgeschichte, das ist aber auch das Medienarchiv, die Archäologie. Also das ist diese ganze Bündelung, die der LWL ja mitbringt.

• 26:20 - 26:20

Kathrin Nolte: Die verschiedenen Einrichtungen.

• 26:21 - 26:52

Jens Hecker: Die verschiedenen Einrichtungen, die kommen damit rein, dass wir sagen: Was ist der Stand, wo wir aufbauen können und wo müssen wir eigentlich hin? Weil bis jetzt hat man eigentlich immer natürlich sehr regional gedacht, was vollkommen verständlich war, was auch ein riesen Wert dieser Gedenkstätte ist, weil wenn wir jetzt sagen: Wir wollen diese Internationalität haben, wir wollen diese Verstrickung haben, dieses Netzwerk müssen wir einfach größer denken. Und das heißt auch, wir müssen auch mit großen Forschungsinitiativen in den Kontakt treten.

• 26:52 - 27:22

Nur ein kleines Beispiel, was eigentlich ein großes Beispiel ist, wenn wir sagen: Ja, wir wollen irgendwie einen Namen rausfinden. Wir wollen wissen, wo die Menschen hingekommen sind. Ganz am Anfang haben sie die Zahl gesagt, die auch stimmt. Wir reden über 300.000 Menschen. Das macht man nicht einfach mal so. Da ist die Frage: Wo liegen eigentlich diese ganzen Akten zu diesen Menschen? Es sind ja über fünf Millionen Menschen in Kriegsgefangenschaft, also Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten.

• 27:23 - 27:56

Diese Akten müssen ja aufgearbeitet werden. Die liegen in russischen Archiven. Deswegen gibt es deutsch-russische Projekte, die gerade laufen. Und da müssen wir dann auch Schnittstellen finden. Also man kann es nicht nur vor Ort leisten. Und das ist dann meine Aufgabe, diese Schnittstellen zu finden, zu überlegen: Wie kann diese internationale Bedeutung eigentlich hergestellt werden? Und dann natürlich in Absprache: Was kann der LWL mitleisten, was können andere Partner mitleisten? Also das Gute ist, ich muss nicht alles selbst machen.

• 27:56 - 28:29

Also diese Last habe ich nicht auf meinen Schultern. Und es ist halt ein unglaublich spannender Prozess, weil eigentlich so viel auch schon da ist. Und im Moment ist ein Zeitfenster da, wo ganz viele Partner eigentlich wollen. Also das, was ich eben schon angedeutet hatte, wo in den 60er Jahren oder im Kalten Krieg, da wurde alles weggeschoben. Und jetzt merkt man, da sind ganz viele Türen offen. Es sind natürlich auch viele Türen zu und viele Türen, die vielleicht gar nicht wissen, dass da eine Tür ist. Aber es macht auf jeden Fall sehr viel Spaß, weil man merkt, dass ganz viele dieses Thema wichtig finden.

• 28:30 - 28:42

Es ist nicht nur eine kleine Clique. Dass ein Historiker das wichtig findet, das müsste man meinen, sondern es ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens da, von ganz vielen Stellen auch überparteilich zu sagen, das ist ein wichtiges Thema.

• 28:43 - 28:53

Kathrin Nolte: Es zeigt aber auch, dass selbst 75 Jahre nach Kriegsende es immer noch viel zu tun gibt. Vielen Dank für die vielen Eindrücke, die Sie uns geliefert haben und vielen Dank für das Gespräch.

• 28:54 - 29:01

Jens Hecker: Danke für Ihre Fragen.