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Abgeschlossene Projekte

Berufene Arbeit

Geschlechtsspezifische Segregationen im Berufs- und Ausbildungswesen

Bearbeiterin: Julia Paulus

Über das Ausmaß und die Formen der Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt liegen bereits eine Vielzahl von sozialhistorischen und soziologischen Untersuchungen vor. Wenig Informationen liegen demgegenüber zu der Frage vor, welche ökonomischen, kulturellen und sozialen Bedingungen und Strukturen in den jeweiligen historischen Phasen der Jahre zwischen 1920 und 1970 den Arbeitseinsatz von Frauen nach Zahl und Qualität und damit auch ihre Chancenungleichheit auf dem Ausbildungsmarkt bestimmten, und wie sie sich auf die Entscheidung von Frauen, einer Berufstätigkeit nachzugehen, auswirkten.

Diesen Fragestellungen widmet sich das hier vorzustellende Projekt. Hauptziel der Untersuchung ist es, die wesentlichen Bestimmungsgrößen dafür herauszuarbeiten, unter welchen Bedingungen, an welchen Orten und in welchem Umfang Frauen an beruflichen Ausbildungen teilnahmen und entsprechende Arbeitsplätze nachfragten.
Dieser Fragestellung soll differenziert am Untersuchungsgebiet Westfalen nachgegangen werden, und hier insbesondere an zwei Arbeitsmarktregionen: dem Stadtkreis Soest und dem Stadtkreis Bocholt. Raumdifferenzierende Faktoren wie Entfernungen, historisch gewachsene Ressourcenpotenziale, die Landschaft usw. führen über Standortentscheidungen von Unternehmen und Betrieben zu regional unterschiedlichen Entwicklungen im Niveau und in der sektoralen und qualitativen Struktur des Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebots für Frauen und über Bildungs-, Familien- und Wohnentscheidungen etc. der Bevölkerung zu räumlich abweichenden Entwicklungen in der Zahl, Struktur und in der Zusammensetzung der Arbeitsplatznachfrage von Frauen nach Alter, Bildung und Ausbildung, Familienstand usw. Diese regionalen Unterschiede in der Entwicklung der Arbeitsmarktaggregate zu erfassen und zu erklären, erfordert einen Untersuchungsansatz, der auf der Analyse von spezifischen Arbeitsmarktregionen fußt.

Briten in Westfalen

Begegnungen - Beziehungen - Geschichte 1945-2020

Bearbeiter: Thomas Küster

Im Rahmen des von der Stadt Paderborn initiierten Projekts „Die Briten in Westfalen“ enstand ein Tagungs- und Buchbeitrag. Die britischen Streitkräfte, deren Abzug aus der Bundesrepublik bis 2020 abgeschlossen sein soll, haben in Westfalen viele Spuren hinterlassen. Das gilt nicht nur für die noch vielfach sichtbaren Kasernen, Flug- und Truppenübungsplätze und die eigenen Siedlungen. Insgesamt haben zwischen 1945 und 2015 mehrere hunderttausend Soldaten mit ihren Familienangehörigen in der Bundesrepublik – und zu großen Teilen in Westfalen – gelebt (eine Tatsache, die von deutscher Seite in historischen oder sozialwissenschaftlichen Untersuchungen bisher kaum beachtet worden ist).

Erst seit den 1970er Jahren haben sich dabei auch die zivil-militärischen Beziehungen zwischen Briten und Deutschen deutlich verstärkt. Doch blieben auch die scheinbar „ruhigen“ Nachkriegsjahrzehnte nicht ohne Krisen: Insbesondere die Bedrohung der hier stationierten britischen Soldaten und ihrer Familien durch die IRA und die Nachrüstungsdebatte in der Bundesrepublik in den frühen 1980er Jahren führten zu Belastungen im Verhältnis zwischen der britischen „Community“ und ihren deutschen Nachbarn. Der geplante Beitrag beleuchtet aus regionalgeschichtlicher Perspektive vor allem die Sicht der Briten auf den „Standort Westfalen“ und stellt die Frage nach den spezifischen Befindlichkeiten und der Selbstwahrnehmung einer sozialen Gruppe, die sich strukturell bedingt immer wieder neu zwischen den Optionen Rückversetzung, partielle Integration und Abschied von der Truppe (um dann in Deutschland zu bleiben) entscheiden musste.

Weitere Informationen zum Projekt

Digitalisierung der "Westfälischen Zeitschrift"

Bearbeiter: Marcus Weidner

Die "Westfälische Zeitschrift“ ist ein zentrales Publikationsorgan für Beiträge zur westfälischen Geschichte. Sie wird seit 1838 von den beiden Abteilungen Münster und Paderborn des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens herausgegeben. Die Bereitstellung der "Westfälischen Zeitschrift" erfolgt in Kooperation mit dem Altertumsverein vom Internet-Portal "Westfälische Geschichte". Das Projekt umfasst die Online-Publikation aller Bände dieser Zeitschrift (mit Ausschluss der zwei jeweils jüngsten Ausgaben) und der Vorgängerpublikation "Archiv für Geschichte und Altertumskunde Westphalens" (1825-1838) sowie die bibliografische Erschließung und Systematisierung der zahlreichen Einzelartikel. Diese Arbeiten werden vom Internet-Portal durchgeführt.

Aufgrund der Bedeutung der Zeitschrift für die Beschäftigung mit der westfälischen Geschichte stellt die Online-Publikation eine erhebliche Verbesserung in der Literaturversorgung dar. Das Projekt sowie die in diesem Rahmen erfolgte mediengerechte Umprogrammierung des Portals sollen dazu anregen, weitere zentrale Zeitschriften zur westfälischen Geschichte (z.B. die "Westfälischen Forschungen") online über das Internet-Portal zur Verfügung zu stellen. Interessenten für die Nutzung dieser Infrastruktur sind vorhanden.

Die Modifikation der Portal-Benutzeroberfläche sowie die Erstellung der Mets-Dateien für den DFG-Viewer, die Digitalisierung, die Konvertierung und die Online-Stellung der „WZ“ wurden im Sommer 2015 abgeschlossen; das Projekt wurde im August 2015 im Rahmen einer Pressekonferenz in Paderborn durch LWL-Direktor Matthias Löb freigeschaltet (siehe Pressemitteilung). Bis Ende 2016 sollen vereinzelt fehlende Bände und das “Archiv für Geschichte und Altertumskunde Westphalens“ ergänzt werden. Die Systematisierung aller Artikel wurde Ende 2017 abgeschlossen.

Zu den Online-Bänden der "Westfälischen Zeitschrift"

Gebietsreform und Bürgerwille

Demokratieentwicklung und Reform von Staat und Gesellschaft am Beispiel der kommunalen Neugliederung in Nordrhein-Westfalen

Bearbeiterin: Sabine Mecking

Die kommunale Neugliederung der späten 1960er und frühen 1970er Jahre hat wie kaum eine andere Reform in der Geschichte der Bundesrepublik die innenpolitische Diskussion beschäftigt. Wurden in allen Flächenländern der Bundesrepublik Gebiets- und Funktionalreformen durchgeführt, so veränderte sich die kommunale Landkarte Nordrhein-Westfalens besonders nachhaltig. Die Reformdiskussion war durch den zeitgenössischen Glauben an eine höhere Verwaltungseffizienz und bessere Daseinsvorsorge durch die Schaffung von größeren Verwaltungs- und Planungseinheiten geprägt. Bestand über die Notwendigkeit einer kommunalen Gebietsreform in Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Gesellschaft weitgehend Einigkeit, so lassen sich vor Ort fast überall Widerstände gegen einzelne Neuordnungsmaßnahmen feststellen. In der Auseinandersetzung wurden den funktionalen, auf Verbesserung der Effektivität der Verwaltung gerichteten Maßstäben historisch gewachsene, traditionell oder wirtschaftlich begründete Gegebenheiten und lokale Besonderheiten entgegengehalten.
In dem Projekt „Gebietsreform und Bürgerwille“ werden vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Veränderungen der „1968er Jahre“ Wandlungsprozesse im Bereich der Bürgerbeteiligung, der Politischen Kultur und der kommunalen Identität(en) am Beispiel der kommunalen Neugliederung in Nordrhein-Westfalen analysiert. Dazu werden Ausgangslagen, Ziele der Neuordnung, ihre Umsetzung sowie politische und gesellschaftliche Folgen von Eingemeindungen und Städtezusammenschlüssen unter besonderer Berücksichtigung von städtischen Ballungsräumen betrachtet. Auf diese Weise hofft die Studie, über die konkrete Darstellung eines bedeutenden regional- und landespolitischen Prozesses hinaus generelle Einsichten zum Verhältnis von staatlicher Planung und lokalem Eigensinn, von Staat und Kommune bzw. Staat und Bürger zu geben. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Untersuchung wird im Kooperationszusammenhang des überregional vergleichenden Projekts der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft zur kommunalen Gebiets- und Funktionalreform durchgeführt.

Gesellschaft in Westfalen

Arbeitstitel: Gesellschaft in Westfalen. Kontinuität und Wandel 1930-1960

Bearbeiter_innen: Matthias Frese, Franz-Werner Kersting, Julia Paulus, Michael Prinz

Das Projekt will einen Beitrag zur Sozialgeschichte der Bundesrepublik leisten. Seine methodische Konzeption zielt auf das Verhältnis zwischen sozialhistorischen bzw. politischen Entwicklungen und geläufigen Epochengrenzen. Leitender Gesichtspunkt des Projektes ist die kritische Auseinandersetzung mit der viel diskutierten Kontinuitätsfrage. Mit Hilfe interregionaler, internationaler und interepochaler Vergleiche soll nicht nur die These von der "Modernisierungsfunktion" nationalsozialistischer Herrschaft überprüft, sondern auch nach den traditionszerstörenden Folgen von Teilung, Flucht und Vertreibung, nach der Rolle äußerer Einflüsse ("Amerikanisierung" etc.) und ihrer Bedeutung für den sozialen Wandel sowie nach dem Einfluss des Wirtschaftswachstums der Fünfziger Jahre auf die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung in der Bundesrepublik gefragt werden.

Die Bearbeitung des breit gefächerten Forschungsprogramms, das auf mehrere Jahre angelegt und in insgesamt 17 Teilprojekte untergliedert ist, erfolgt zum einen durch Mitarbeiter/innen des WIR, zum anderen durch (Post-)Doktoranden, für die ein eigenes Stipendienprogramm aufgelegt worden ist. Geplant sind außerdem begleitende wissenschaftliche Tagungen (bisher 1994 und 2000) und Kolloquien. Die im Rahmen des Projekts entstehenden Einzelstudien werden in der Institutsreihe "Forschungen zur Regionalgeschichte" veröffentlicht.

 

Peter Exner

Ländliche Gesellschaft und Landwirtschaft in Westfalen 1919-1969 [abgeschlossen]
 

Gerd Meier

Zwischen Milieu und Markt. Tageszeitungen in Ostwestfalen (1920-1970) [abgeschlossen]
 

Corinna Nauck Kommunale Selbstverwaltung und Kommunalbürokratie im Raum Siegen 1930 bis 1960 unter besonderer Berücksichtigung der Stadtentwicklung [abgeschlossen]
 
Martin Löning

Die politischen Führungsgruppen in Bielefeld und Münster 1930-1960. Kontinuitäten und Diskontinuitäten
 

Frank Nienhaus Kirchenglocken und Werksirenen. Das Münsterland - ein katholisches Milieu in den Umbrüchen zur modernen Gesellschaft
 
Helene Albers

"Landfrauen" - zwischen Tradition und Wandel. Arbeits- und Lebensbedingungen von Bäuerinnen in der westfälischen Landwirtschaft 1920-1960 [abgeschlossen]
 

Rainer Auts

Freie Wohlfahrtsverbände und Sammlungswesen in Westfalen 1930-1960 [abgeschlossen]
 

Willi Oberkrome

Zur Sozial- und Kulturgeschichte der Heimatbewegung 1930-1960. Westfalen-Lippe und Thüringen im Vergleich [abgeschlossen]
 

Marlene Klatt Umgang mit der unbequemen Vergangenheit. Judenverfolgung und Wiedergutmachung in Westfalen [abgeschlossen]
 
Detlef Briesen Massenwohlstand und kulturelle Verwestlichung in Rheinland-Westfalen 1920-1970 [abgeschlossen]
 
Norwich Rüße

Bauern und Agrarunternehmer? Westfälische und niederländische Landwirtschaft 1920-1960
 

Markus Köster

Jugend, Wohlfahrtsstaat und Gesellschaft im Wandel. Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik [abgeschlossen]
 

Wolfhart Beck

Soziale und mentale Kontinuitäten und Umbrüche protestantischer Gemeindemilieus in Westfalen 1920-1960 am Beispiel des Kirchenkreises Lübbecke [abgeschlossen]
 

Michael Prinz

Der Sozialstaat hinter dem Haus. Wirtschaftliche Zukunftserwartungen, Selbstversorgung und regionale Vorbilder: Westfalen und Südwestdeutschland 1920-1960 [abgeschlossen]
 

Matthias Frese

Arbeitsbeziehungen im öffentlichen Dienst am Beispiel kommunaler Betriebe und Verwaltungen 1920-1970
 

Sandra Schürmann

Dornröschen und König Bergbau. Kulturelle Urbanisierung und bürgerliche Repräsentationen am Beispiel der Stadt Recklinghausen (1930-1960) [abgeschlossen]
 

Julia Paulus

"Berufene Arbeit" Geschlechtsspezifische Segregationen im Berufs- und Ausbildungswesen
 

 

Innere Landesgründung NRW

Arbeitstitel: Die Innere Landesgründung von Nordrhein-Westfalen. Die Auseinandersetzung zwischen Staat und Selbstverwaltung um den Aufbau des neuen Landes

Bearbeiter: Ansgar Weißer

Nach der Gründung Nordrhein-Westfalens 1946 stellte sich die Frage nach dem Staats- und Verwaltungsaufbau des neuen Landes sowie der Integration der Landesteile. Von besonderer Bedeutung für die Formierung der inneren Ordnung war die Neudefinition des Verhältnisses zwischen Staat und Selbstverwaltung. Dieser Klärungsprozess verlief keineswegs konfliktfrei. Umstritten war zwischen Befürwortern eines zentralisierten Staats- und Verwaltungsaufbaues und Vertretern regionaler und kommunaler Interessen vor allem, wie weitgehend es zu einer Dezentralisierung, Regionalisierung und Kommunalisierung von Aufgaben und Entscheidungskompetenzen kommen sollte.

Das Bestreben, eine bürgernahe Verwaltung zu errichten, führte dabei in Nordrhein-Westfalen zu einer Renaissance des Selbstverwaltungsgedankens. Mit der Verabschiedung der kommunalen Verfassungsgesetze und der Errichtung der Landschaftsverbände 1953 wurde die von der britischen Besatzungsmacht eingeleitete Kommunalisierung fortgeführt und die auf einen dezentralen Staats- und Verwaltungsaufbau gerichtete Politik zu einem vorläufigen Abschluss gebracht. Dass die Entscheidung in Nordrhein-Westfalen für mehr Selbstverwaltung nicht selbstverständlich war, zeigt der Vergleich mit der Entwicklung anderer Bundesländer.

Karl Friedrich Kolbow (1899-1945)

Männlichkeitsideal und ‚Volksgemeinschafts‘-Vorstellungen eines NS-Täters: Eine biographische Studie

Bearbeiter: Martin Dröge

Karl Friedrich Kolbow (1899-1945) war von 1933 bis 1944 Landeshauptmann der Provinz Westfalen und hat seit seiner Jugend Tagebuch geführt. Als Verwaltungschef führte er in seinen Aufgabenbereich die rassenideologischen Grundsätze des Nationalsozialismus ein. Mit der dienstlichen Unterstützung und der administrativen Verantwortung für das NS-‚Euthanasie‘-Programm in Westfalen beteiligte er sich an einem nationalsozialistischen Verbrechen: Als Vertreter der mittleren Verwaltungsebene war er ein Zahnrad im Getriebe des NS-Euthanasiesystems und wurde auf diese Weise zu einem der zahlreichen ‚Schreibtischtäter‘ des ‚Dritten Reichs‘.

Das Dissertationsprojekt will mit Hilfe sowohl der Geschlechter- und Männlichkeitengeschichte als auch der neueren Forschungen zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft das Handeln und Verhalten eines nationalsozialistischen Täters auf eine breitere Erklärungsgrundlage stellen. Die beiden Ansätze sollen dazu über das gesellschaftliche Leitbild von Kameradschaft als Männlichkeits- und Gemeinschaftsideal zusammengeführt werden. Die Entwürfe von Männlichkeit und die Vorstellungen zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft von Karl Friedrich Kolbow lassen sich über die biographische Methode gewinnbringend beschreiben und tiefergehend analysieren. Eine Mikro-Geschichte individueller Erfahrungen kann auf diese Weise zum Indikator und Spiegel einer Gesellschaft und ihrer Weltbilder werden. Selbstzeugnisse historischer Subjekte, wie sie mit den Tagebüchern Kolbows vorliegen, avancieren damit zu einer wichtigen Quelle, die in ihren gesellschaftlich-strukturellen wie auch individuellen Denk- und Entstehungszusammenhängen gelesen werden müssen.

Den geschlechtergeschichtlichen Theorierahmen der biographischen Studie bildet zum einen das Konzept des narrating gender von Bettina Dausien, die davon ausgeht, „dass Erzählen als eine kommunikative Praxis betrachtet werden kann, durch die Subjekte ihre individuell-biographische und ihre gemeinsame soziale Wirklichkeit konstruieren.“ Die Praxis des Tagebuchschreibens wird ebenso als ein Ort biographischer Kommunikation angesehen. Geschlecht wird in autobiographischen Erzählungen in den seltensten Fällen direkt thematisiert, aber erzählte Ereigniszusammenhänge geben immer indirekt Auskunft über Bedeutung und Deutung von Geschlechterdifferenz und -identität: „Was erzählt wird, referiert auf eine soziale Realität, die vielfach durch Geschlechterverhältnisse strukturiert ist. Die Analyse der Erzählinhalte bietet deshalb ein geeignetes Material zur Rekonstruktion sozialer und kultureller Geschlechterkonstruktionen.“ Zum anderen basiert die Studie auf den in der Männlichkeitenforschung gängigen Theoriekonzepten des ‚männlichen Habitus‘, rekurrierend auf Pierre Bourdieu, und der ‚hegemonialen Männlichkeit‘ von Robert Connell.

 

Zur Pressemitteilung

'Bewegte Dörfer': Neue soziale Bewegungen in der Provinz. Westfalen zwischen 1970 und 1980 im Vergleich

Bearbeiterin: Julia Paulus

 

Der Sammelband, der zehn externe Beiträge sowie eine Einleitung der Projektverantwortlichen/Herausgeberin enthalten wird, dokumentiert die Ergebnisse einer im Dezember 2014 stattgefundenen Tagung des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte zum Thema „Neue soziale Bewegungen in der ‚Provinz‘ (1970-1990)“ (siehe Pressemitteilung), die  sich mit der Frage beschäftigte, in welcher Weise sich (groß-)städtische und ‚ländliche‘ Emanzipationsbewegungen wechselseitig wahrnahmen und beeinflussten.

Darüber hinaus verfolgte die Veranstaltung das Ziel, der Entstehung, den Einflüssen, den ‚Verhinderungen‘ sowie den Erfolgen der aufkommenden Neuen sozialen Bewegungen in ländlichen Räumen nachzugehen.

Das Tagungs- und Buchprojekt ist sowohl eingebunden in das Forschungsprojekt „Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert“ (zum Projekt), das die Veränderungen der Stadt-Land-Beziehungen am Beispiel Westfalens sowie im interregionalen und internationalen Vergleich untersucht, wie auch in das Projekt „Politische Partizipation in (Nordrhein-)Westfalen 1918-1989“, das sich sowohl mit der Geschichte der – in konfessionellen, berufsbezogenen, karitativen, Bildungs-Vereinen organisierten sowie autonomen außerparlamentarischen – Frauenbewegungen beschäftigt, wie auch mit dem Selbstverständnis, dem jeweiligen Politisierungsprozess, den politischen Strategien und (geschlechts-)spezifischen Zugangs- und Handlungsmöglichkeiten von Frauen in vornehmlich männlich strukturierten parlamentarischen Räumen.

Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 – 1980)

Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung

Zur Pressemitteilung

Der Projektbericht

Bearbeiter: Franz-Werner Kersting, Hans-Walter Schmuhl

Das Problem der Misshandlungen von Schutzbefohlenen in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren ist vor allem aufgrund der Einrichtung eines Runden Tisches zum Thema Heimerziehung durch den Bundestag im Jahre 2009 in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Das erlittene Unrecht betraf jedoch nicht nur ehemalige Heimkinder, sondern auch Menschen, die im fraglichen Zeitraum in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht waren. Im März 2013 berichtete der WDR exemplarisch über Misshandlungen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik St. Johannes-Stift Marsberg. Daraufhin meldeten sich über 50 ehemalige Patientinnen und Patienten dieser LWL-Einrichtung, die glaubwürdig und übereinstimmend von massiven Gewalt- und Missbrauchserfahrungen berichteten.

Der LWL als Träger der damaligen Einrichtung St. Johannes-Stift Marsberg hat daraufhin beschlossen, eine wissenschaftlich fundierte Dokumentation der Geschehnisse durch das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte erstellen zu lassen. Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen die subjektive Perspektive der Betroffenen sowie deren eigene lebensgeschichtliche Wahrnehmung. Da diese in traditionellen Quellen, wie Patienten- und Verwaltungsakten der damaligen Zeit, nur rudimentär abgebildet sind, kommt narrativen Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen („Oral History“) innerhalb des Forschungsprojekts eine besondere Bedeutung zu.

Die Interviews versprechen systematische Einblicke in die Alltagswelt der kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen der Nachkriegszeit mit besonderem Augenmerk auf die Erfahrung individueller Gewaltausübung und struktureller Gewalt. Darüber hinaus sollen sie Erkenntnisse darüber liefern, wie sich die Gewalterfahrungen auf das weitere Leben der Betroffenen auswirkten und wie die ehemaligen Patientinnen und Patienten mit diesen Erfahrungen umgehen.

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt erhalten Sie unter folgenden Links:

 

https://www.lwl.org/bi-lwl/vo020.asp?VOLFDNR=5748&options=4

https://www.lwl.org/bi-lwl/vo020.asp?VOLFDNR=5814&options=4

Psychiatriestandort Eickelborn

Arbeitstitel: Die Frühgeschichte des Psychiatriestandortes Eickelborn (1870er - 1920er Jahre)

Bearbeiter: Ansgar Weißer

Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war der größte Teil der psychisch Kranken auf die Hilfe der Familie angewiesen. Darüber hinaus waren die Städte und Gemeinden zuständig, die diese Menschen vor allem in Arbeits- und Armenhäusern oder in so genannten „Irrenverschlägen“ von Krankenhäusern unterbrachten. Vor dem Hintergrund von Industrialisierung und Urbanisierung kam es zur Ablösung der traditionellen Armen- durch eine moderne Wohlfahrtspflege. Zuständig für die Bewahrung und Pflege hilfsbedürftiger Kranker in geeigneten Einrichtungen wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Provinzialverband Westfalen, der damit zum Hauptträger der geschlossenen Geisteskrankenfürsorge avancierte.

Erste psychiatrische Einrichtungen waren in Westfalen bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden. Mit dem gesetzlichen Anspruch auf stationäre Versorgung nahm die Zahl der Patienten sprunghaft zu und wurde die bauliche Erweiterung bestehender sowie die Errichtung weiterer psychiatrischer Einrichtungen notwendig. Im gesamten deutschen Kaiserreich kam es zwischen den 1870er Jahren und dem Vorabend des Ersten Weltkrieges zu einer erheblichen Expansion des Anstaltswesens.

Vor diesem Hintergrund beschloss der Westfälische Provinziallandtag 1882 die Errichtung einer weiteren „Irren-Siechen-Anstalt“ in Eickelborn, die bereits im Oktober 1883 eröffnet wurde. Innerhalb Westfalens besaß der Psychiatriestandort Eickelborn von Beginn an eine Sonderstellung: Hauptaufgabe der „Provinzial-Pflege-Anstalt“ war zunächst die Aufnahme von „unheilbaren Geisteskranken“ aus den übrigen Pflege- und Heilanstalten des Provinzialverbandes, um diese zu entlasten und Überbelegungen abzubauen. Erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte entwickelte sich aus der Pflegeeinrichtung eine „Heilanstalt“, deren Aufgabe nicht auf die bloße Verwahrung psychisch Erkrankter beschränkt blieb.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt der Psychiatriestandort Eickelborn eine weitere Zweckbestimmung, die Unterbringung so genannter „gemeingefährlicher Geisteskranker“: Bei ihnen handelte es sich zum einen um als „gefährlich“ eingestufte Kranke anderer psychiatrischer Einrichtungen, zum anderen um psychisch kranke Straftäter, die aus westfälischen Strafanstalten nach Eickelborn überwiesen wurden.

Aus Anlass des 125-jährigen Bestehens des LWL-Psychiatriestandorts Eickelborn wird in dem Projekt die Geschichte der Klinik zwischen 1883 und 1930 untersucht. Neben den Motiven für die Gründung und den Ausbau der Provinzial-Pflege-Anstalt sowie der Spiegelung der allgemeinen Entwicklungen der Anstaltspsychiatrie am Standort Eickelborn wird vor allem die Frühgeschichte der Forensik im Mittelpunkt des Interesses stehen. Dabei soll auch gefragt werden, wie die Öffentlichkeit vor Ort auf die Errichtung der Pflegeanstalt und die Unterbringung von psychisch kranken Straftätern nach der Jahrhundertwende reagierte. Ausgewertet werden neben den Protokollen des Provinziallandtags und den gedruckten Berichten der Provinzialverwaltung die Aktenüberlieferung von Provinzialverwaltung, Klinik und Oberpräsidium sowie verschiedene Lippstädter Tageszeitungen und ausgewählte Patientenakten.

Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert

Bearbeiter: Franz-Werner Kersting
 

Mittlerweile wohnen weltweit zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Gleichzeitig werden vielfach der „Untergang des Dorfes“ und die völlige Auflösung der jahrhundertealten „Kulturdifferenz“ von Stadt und Land diagnostiziert. Infolge der Agrar-, Verkehrs-, Kommunikations- und Lebensstilumbrüche seit den 1950er und 1960er Jahren, der parallelen Suburbanisierung sowie im Zeichen von Globalisierung und Internet scheint die Welt zur Stadt geworden zu sein und das Dorf in den Agglomerationen aufzugehen. Doch sind wir heute tatsächlich am Ende dörflich-ländlicher Gesellschaften angekommen? Gibt es nicht nach wie vor spezifisch „ländliche“ Sozialstrukturen, Handlungsmuster, Selbst- und Fremdbilder? Oder dominieren mittlerweile ausschließlich hybride Strukturen, Lebensstile und Identitäten? Hat nicht auch der urbane Blick auf Land und Dorf als soziales Gegenüber, als das „Andere“, noch Bestand?

Der Forschungsverbund bestehend aus dem LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte (Prof. Dr. Franz-Werner Kersting) und der Universität Saarbrücken (Prof. Dr. Clemens Zimmermann) geht diesen Fragen erstmals im Kontext einer wechselseitigen Beziehungs- und Erfahrungsgeschichte der Menschen auf dem Land und in der Stadt nach. Er möchte die Engstellen bisheriger Zentralitätsforschung überwinden, bislang kaum beachtete Lebensentwürfe und Bewegungen ländlicher Akteurinnen und Akteure bekannt machen und zum Dialog zwischen der mehr aktualitäts- und anwendungsbezogenen (Geographie, Stadt- und Regionalplanung, Soziologie) und der kulturgeschichtlich orientierten Stadt-Land-Forschung anregen.

Erste Ergebnisse des Projekts bildeten die interdisziplinäre Konferenz „Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert“ (siehe Pressemitteilung), die vom Institut und dem Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschichte der Universität des Saarlandes am 25./26. Oktober 2012 auf Gut Havichhorst, dem Seminar- und Tagungszentrum der Stiftung Westfälische Landschaft, veranstaltet wurde, sowie die Publikation eines gleichnamigen, geschichts- und kulturwissenschaftlich ausgerichteten Sammelbandes 2015 in der Reihe „Forschungen zur Regionalgeschichte“ (siehe Pressemitteilung).

Urbanisierung und ländlicher Raum

Arbeitstitel: Urbanisierung und Moderne aus der Perspektive des ländlichen Raums 1870-1930

Bearbeiter: Thomas Küster

Die Hochindustrialisierung veränderte die Wahrnehmung der Stadt in ihrer Beziehung zum ländlichen Raum von Grund auf. Die völlige Umstellung der Arbeits- und Marktverhältnisse, der sich beschleunigende Prozess der Suburbanisierung und die kontinuierlichen städtetechnischen Innovationen ließen auch die ländliche Gesellschaft nicht unberührt.

Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert gehörten die Großstädte dabei zu den entscheidenden Triebkräften der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Modernisierung. Insbesondere aus der Perspektive der ländlichen Bevölkerung wirkte die „Stadt“ als Verdichtungsraum und „Zentralitätsform“ der Moderne (Werner Troßbach). In dem Maße, in dem der ländliche Raum seine ausschließliche Versorgungsfunktion für die Stadt einbüßte und selbst Dienstleistungen und Produkte der Stadt nachfragte, verblasste auch der autarke und oftmals selbstgenügsame Charakter der ländlichen Lebenswelt. Bereits zeitgenössisch war von einer „Verstädterung“ der Dörfer die Rede – eine Kritik, die allerdings zuerst vom akademisch-städtischen Bürgertum geäußert wurde und in volkskundlich-bewahrender Absicht auf die Erhaltung des typisch ländlichen Stils zielte.

Neue kulturwissenschaftliche Forschungen deuten darauf hin – eine empirische Umsetzung ist vielfach noch nicht erfolgt –, dass in solchen zeitgenössischen Wahrnehmungen und Deutungen ein spezifischer Zusammenhang zwischen der kulturellen Prägung, der lebensweltlichen Orientierung, den individuellen und kollektiven Identitäten bzw. Mentalitäten, den praktizierten Kommunikationsformen sowie dem sozialen und politischen Handeln zum Ausdruck kam. In einem kombinierten sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriff will das Projekt (Arbeitstitel „Urbanisierung und Moderne in der Perspektive des ländlichen Raums in Westfalen 1870-1930“) die vorliegenden Arbeiten zur Großstadtkritik und Heimatbewegung in zwei Aspekten ergänzen, die bisher wenig Beachtung gefunden haben: Zum einen richtet sich der Blick nicht mehr auf den „urbanen Diskurs“ der kulturellen Eliten, sondern auf die Wahrnehmung der „Stadt“ durch den ländlichen Raum; zum anderen sollen die auf eigene Erfahrungen gestützten Sichtweisen und Verhaltensänderungen der ländlichen Bevölkerung – und nicht mehr die Auseinandersetzung um ideologisch-politische Deutungen – in den Mittelpunkt gestellt werden.

Abgesehen von der Idealisierung des ländlichen Raums in der Tradition Wilhelm Heinrich Riehls und der „interessegeleiteten“ Stadtkritik agrarischer Verbandsvertreter sind Erfahrungen von Zeitgenossen zum Verhältnis von urbaner und ländlicher Lebensweise noch kaum einer historischen Einordnung unterzogen worden. Wie insbesondere die „Stadt“ und ihre Bewohner als konkret erfahrbares Gegenüber und als Chiffre für die Moderne von der Bevölkerung des ländlichen Raums wahrgenommen wurden, ist nach wie vor eine offene Frage.

Die Beschreibung solcher kulturellen Deutungen und Praktiken wird sich einerseits auf die Rekonstruktion struktureller Veränderungen im Verhältnis von Stadt und Land, andererseits auf die Auswertung perspektivischer Quellen und Selbstauskünfte stützen. Inhaltliche Schwerpunkte des Projekts werden ausgewählte Bereiche städtisch-ländlichen Interessenausgleichs sein. Im Vordergrund stehen die Themenfelder Soziale Sicherung, Mobilität und Kommunikation sowie Konsum und Zeitwahrnehmung. Unter anderem soll die Frage beantwortet werden, ob eine bewusste Adaption städtischer Kulturformen stattfand oder ob diese von den Städten aus in das Umland „exportiert“ wurden? In welchem Umfang forderte die ländliche Bevölkerung städtische Leistungsmerkmale an, wo lehnte sie diese ab?

Vor der Konsumgesellschaft

Arbeitstitel: Pessimistische Zukunftserwartungen, gesellschaftliche Leitbilder und regionale Evidenz 1918-1960

Bearbeiter: Michael Prinz

Dass Gärten nicht nur der Erholung, sondern in Krisenzeiten regelmäßig auch der Selbstversorgung und der Stadtbevölkerung als Zuflucht dienen, ist eine unumstrittene und in der älteren Generation noch weithin bekannte Tatsache. Wer aber weiß schon, dass Teile der Opposition gegen Hitler, darunter einige der bekanntesten Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft, eine neue Gesellschaft um die Selbstversorgung bauen wollten. „Additive Autarkie“ lautete ihre Rezeptur, um den, wie sie meinten, überforderten Sozialstaat beim Wiederaufbau zu entlasten.

Bei dem Projekt geht es darum, diese auf den ersten Blick weltfremd anmutenden Forderungen einzuordnen, ihre weite Verbreitung im gesellschaftspolitischen Denken wie auch in der lebensweltlichen Praxis der Zwischenkriegszeit aufzuzeigen. Besondere Aufmerksamkeit findet die Wechselwirkung zwischen den langfristigen wirtschaftlichen Zukunftserwartungen der Zeitgenossen, der Krise des Weimarer Sozialstaates und der besonderen Popularität der Figur eines Arbeiterbauern als Existenzform des modernen Industriearbeiters. Große Bedeutung für die Rechtfertigung dieser Ideen besaßen regionale Vorbilder wie die Erwerbs- und Versorgungsstruktur Württembergs, des Saarlandes und von Teilen Westfalens. Dank der Verbindung von Erwerbsarbeit und Selbstversorgung schienen diese Regionen eine besondere Krisenfestigkeit aufzuweisen. Auf der Suche nach Zukunftsmodellen richtete die deutsche Gesellschaft im 20. Jahrhundert ihren Blick nicht nur, wie in der Literatur so oft betont wird, auf das ferne Amerika, sondern immer wieder auch nach innen.

Weimar im Westen: Republik der Gegensätze

Eine multimediale Wanderausstellung des LWL und LVR im Verbundprojekt „100 Jahre Bauhaus im Westen“

Bearbeiterinnen: Regina Göschl, Julia Paulus

 

Zur Ausstellungswebseite: www.weimar-im-westen.de

Zum Instagram-Account „Weimar im Westen“

Presseserie
Teil 1: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit

Teil 2: Das Ruhrgebiet als Schmelztiegel der Kulturen: „Integration war durch den Sport möglich“

Teil 3: Frauenwahlrecht und Frauenstudium: Geschlechterrollen verändern sich in der Weimarer Republik

Teil 4: Gesellschaft in der Weimarer Republik: „Westfalen war von unterschiedlichen 'sozial-moralischen Milieus' geprägt“

Interview über die Ausstellung mit Prof. Dr. Malte Thießen, Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte

Pressemitteilung: Wanderausstellung im LWL-Landeshaus beleuchtet die Widersprüche der Weimarer Republik in Westfalen und im Rheinland

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Während der Weimarer Republik genossen erstmals alle Deutschen demokratische Rechte und Freiheiten. Gleichzeitig wurden in dieser Zeit die Zerbrechlichkeit und Gefahren der Demokratie spürbar. Kurz gesagt war die Weimarer Republik eine Republik der Gegensätze: Politische Aufbrüche und soziale Fortschritte gingen mit sozialen Konflikten und extremer Gewalt einher.

Die multimediale Wanderausstellung „Weimar im Westen: Republik der Gegensätze“ spürte von Januar bis November 2019 diesen Widersprüchen im Rheinland und in Westfalen-Lippe nach. Hier werden Probleme und Erfolge der ersten deutschen Demokratie wie unter einem Brennglas sichtbar. Auf der einen Seite stehen die Aufbrüche in die Moderne, wie sie in den Bauhausbauten Rheinlands und Westfalens, in sozialen Reformprojekten oder im Wandel von Lebensstilen auch in der „Provinz“ sichtbar wurden. Auf der anderen Seite waren Abschottung, Antisemitismus und Ausgrenzungen von Andersdenkenden sowie Gewalt fester Bestandteil der politischen Kultur. Und nicht zuletzt bestimmte der ökonomische Mangel den Alltag vieler Rheinländer und Westfalen. Darüber hinaus bildeten Rheinland und Westfalen das Zentrum reichsweiter Auseinandersetzungen. Der Ruhraufstand linker Arbeiter zur Abwehr des Kapp-Putsches 1920 und der Ruhrkampf 1923 gegen die französische Militärbesatzung erregten weit über die Region hinaus die Gemüter aller Deutschen. Die Wahlerfolge der NSDAP in Lippe Anfang 1933 wiederum wurden von den Nationalsozialisten als Startschuss für die „Machtergreifung“ im Reich inszeniert.

Die Wanderausstellung präsentierte sich einem breiten Publikum in vier begehbaren Würfeln mit einem vielfältigen multimedialen Angebot. Bislang unbekannte Fotos und Filme standen im Mittelpunkt der Schau, die erstmals einen umfassenden Blick auf „Weimar im Westen“ eröffneten. Ergänzt wurde diese regionale Perspektive durch eine umfangreiche Einführung in die allgemeine Geschichte Deutschlands zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus mit ihren vielfachen Bezügen zu Rheinland und Westfalen-Lippe.

Eröffnet wurd die Ausstellung zum 100. Jahrestag der Weimarer Nationalversammlung im Januar 2019 im Düsseldorfer Landtag. Anschließend war sie bis Ende 2019 an sieben Orten im Rheinland und in Westfalen-Lippe zu sehen. Darüber hinaus stand den Besuchern ein umfangreiches Begleitprogramm mit Online-Angeboten, Filmen und Veranstaltungen, Materialien für Schulen, Studierende und historisch Interessierte zur Verfügung. Erarbeitet wurden Ausstellung und Begleitprogramm vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Kooperation mit dem LWL-Medienzentrum für Westfalen und dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte.

Westfalen in der Moderne 1815-2015. Geschichte einer Region

Das Bild Westfalens wird vielfach von Klischees bestimmt: Schinken und Pumpernickel, Hermannsdenkmal und Wasserburgen, Parklandschaften und Talsperren, sogar wogende Kornfelder vor Zechentürmen dienen als Erkennungsmarken und sollen eine weitgehende Harmonie von Natur und Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft symbolisieren. Ein Blick in die Geschichte dieser Region während der vergangenen zweihundert Jahre offenbart jedoch manche Gegensätze: Ausgeprägte konfessionelle, politische und soziale Konflikte, agrarisch-ländliche Idylle und sprichwörtliche Bodenständigkeit auf der einen, industriell geprägte Großstädte und Zuwanderung von Hunderttausenden aus Osteuropa und dem Mittelmeerraum auf der anderen Seite. Solche Kontraste und Fragmentierungen lassen sich nicht ohne historische Perspektive einordnen und erklären. Diese neue Gesamtdarstellung zur jüngeren Geschichte Westfalens, die anlässlich des 200. Jahrestages der Konstituierung als preußischer Provinz im Jahr 1815 erscheint, verdeutlicht sowohl die Wirkung nationaler und internationaler Entwicklungen auf die Region als auch die Impulse, die von ihr selbst ausgingen. Erkennbar werden damit charakteristische Strukturen und Prägungen des "modernen" Westfalens.

 

Karl Ditt (u.a.):
Westfalen in der Moderne 1815-2015. Geschichte einer Region

(Aschendorff Verlag)
864 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-402-13023-0
Preis: 29,95 Euro

Mit Beiträgen von Karl Ditt, Martin Dröge, Matthias Frese, Matthias Frölich, Bernd Holtwick, Christopher Kopper, Markus Küpker, Thomas Küster, Sabine Mecking, Gerd Meier, Katrin Minner, Julia Paulus, Rainer Pöppinghege, Michael Prinz, Thomas Spohn, Bernd Walter und Marcus Weidner

Bestellungen über: Verlag Aschendorff; Postanschrift: 48135 Münster; telefonische Bestellung: 0251-690136; E-Mail: buchverlag@aschendorff.de

Inhaltsverzeichnis (PDF-Datei)

Zur Pressemitteilung

Ausstellung 200 Jahre Westfalen. Jetzt!

Bearbeiter_in: Korbinian Böck, Julia Paulus, Michael Prinz, Bernd Walter

 

Für 2015 planen das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und der Westfälische Heimatbund eine Ausstellung über 200 Jahre Westfalen. Unter dem Titel „Westfalen 1815-2015“ soll im Museum in Dortmund vom 28. August 2015 an ein halbes Jahr lang (bis 28.2.2016) die Geschichte der Region Westfalen anschaulich und begreifbar werden, hieß es am Mittwoch (7.5.2014) im LWL-Kulturausschuss in Dortmund. Gefördert wird die Ausstellung u.a. maßgeblich von der LWL-Kulturstiftung, der NRW-Stiftung und dem Sparkassenverband Westfalen-Lippe sowie der Westfalen-Initiative.

Ausgangspunkt ist der Wiener Kongress: 1815 wurden Westfalen und die Rheinlande in ihren heutigen Grenzen zu preußischen Provinzen und bildeten später, ergänzt um das Land Lippe, die Landesteile des Landes Nordrhein-Westfalen, das die britische Besatzungsmacht 1946 schuf.

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale: „Die Ausstellung will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass regionale Identität immer auf Stereotypen basiert, die konstruiert sind und sich wandeln. Dementsprechend unterschieden sich auch die mit Westfalen verknüpften Stereotype im Laufe der Zeit voneinander. Welche dies zu verschiedenen Zeiten waren, welche Interessen und Akteure diese Identitätsstiftungen jeweils förderten und wie die Menschen in Westfalen sie auch teilten, das wird die Ausstellung sichtbar machen.“

Die Ausstellung überprüfe, was Menschen heute mit Westfalen verbinden, ob die Region überhaupt Bezugspunkt für regionale Identitäten ist, und sie wolle herausarbeiten, welche positiven Bezugspunkte für eine Identifikation mit der Gesamtregion sich anbieten könnten.

Dabei werden rund 450 Exponate historische Ereignisse und prägende Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, wie den Freiherrn vom Stein, ebenso vorstellen wie Aspekte der Massenkultur des 20. Jahrhunderts, zum Beispiel die Geschichte der Schützenfeste in der Region oder den westfälischen Fußball.

Zu den westfälischen Besonderheiten gehören auch die ausgeprägten Gegensätze in der Region: ländliche gegenüber stark industrialisierten Regionen, katholische gegenüber protestantischen Gegenden, die ausgeprägte Migration aus und nach Westfalen, die Integration der zugewanderten "Ruhrpolen" in der ersten Jahrhunderthälfte mit ihren eigenen Vereinsstrukturen sowie die so genannten Gastarbeiter in der Bundesrepublik.

Ein runder Tisch Dortmunder Lehrer der Klassen drei und vier wird in Zusammenarbeit mit Museumspädagogen ein Begleitprogramm für die Schulen entwickeln. Geplant sind Veranstaltungen in der gesamten Region, ein umfangreiches Rahmenprogramm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Exkursionen, die Familien, Schulklassen, Gruppen und Vereine auf die Reise schicken.

Der LWL-Kulturausschuss genehmigte Fördermittel, um diese große Jubiläums-Ausstellung als komprimierte Wanderausstellung ab Mai 2016 vom LWL-Museumsamt für Westfalen interessierten Museen zur Verfügung zu stellen. Über 18 Monate wird sie dann an voraussichtlich acht Stationen im Verbandsgebiet zu sehen sein.

 

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Wanderausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“